… als Riegelungsimpfung in eine Epidemie hinein …
Mit einiger Sorge sehen der Westberliner Senator für das Gesundheitswesen, Dr. Hans Schmiljan, und der Seuchenreferent des Landesgesundheitsamts Berlin, Dr. med. Helmuth Kochs, dem Ausgang einer Untersuchung entgegen, mit der eine Kommission Westberliner Ärzte und Institutsleiter zur Zeit befaßt ist.
Das Mediziner-Gremium prüft, ob die Gesundheitsverwaltung von Westberlin einen bislang in Deutschland nicht erprobten Impfstoff gegen Kinderlähmung ohne genügende Sorgfalt angewendet hat und ob etwa die 50 Fälle von spinaler Kinderlähmung (Poliomyelitis), die in diesem Sommer in Westberlin registriert wurden, auf den leichtfertigen Einsatz des Impfstoffs zurückgeführt werden müssen.
Westberlin, für Spenden besonders aufgeschlossen, empfing aus den Vereinigten Staaten kostenlos 18 Zentner eines Polio-Impfstoffs, den der amerikanische Wissenschaftler Harold R. Cox in den vergangenen Jahren entwickelt und in Nord- und Südamerika erfolgreich angewendet hatte.
Gegen die Kinderlähmung, die augenblicklich in Westdeutschland grassiert*, wurden bisher hauptsächlich, zwei Abwehrmittel eingesetzt:
Die Cox-Spende als drittes Immunisierungsmittel kam Westberlin sehr gelegen, waren doch im Frühjahr 1960 an alle Ostberliner Kinder und Jugendliche Sabin-Tabletten ausgegeben worden, und die Gesundheitsverwaltung Westberlins glaubte daraufhin, nun auch in ihrem Bereich Schutzmaßnahmen treffen zu müssen.
Die Aufforderung der Westberliner Gesundheitsbehörde an die Eltern, ihre Kinder gegen Poliomyelitis immunisieren zu lassen, konnte besonders attraktiv und ermunternd abgefaßt werden. Das Präparat des Amerikaners Cox wird nämlich nicht geimpft und nicht als Tablette hinuntergespült, sondern getrunken: Der Cox-Impfstoff ist ein nach Kirschwasser schmeckender “Cocktail”, von dem ein Zwei-Kubikzentimeter-Schluck die Kinderlähmung verhüten soll.
Am 11. Mai begann in Schulen, Fürsorgestellen und Kindergärten Westberlins ein fieberhafter Schankbetrieb: Rotkreuz-Schwestern und Fürsorgerinnen errichteten “Bars”, hantierten mit Plexiglasbechern und Impfstoff-Flaschen sowie mit Aktendeckeln, in denen die Zustimmungserklärungen der Eltern abgeheftet wurden.
Sechs Tage dauerte der kostenlose Umtrunk, und schon am zweiten Tag rühmte Impf-Senator Schmiljan vor dem Gesundheitsausschuß des Westberliner Abgeordnetenhauses das “positive Echo” der Bevölkerung auf die Schluck-Aktion. Selbstsicher verkündete der Senator, daß keine nachteiligen Folgen zu befürchten seien und die geimpften kinder keinen Reisebeschränkungen unterlägen.
Als der Sechs-Tage-Ausschank beendet war, stellte sich jedoch heraus, daß der Run der Berliner Jugend auf die Cox-Bar gar nicht so stark gewesen war. Die “B. Z.” meldete ihre “Enttäuschung über die Impfaktion”: Von 480 000 Serum-Einheiten – ausreichend für alle Westberliner Kinder – seien 220 000 übriggeblieben.
Weil eingelagerter Cox-Impfstoff allmählich an Wirkung verliert, setzte der Gesundheits – Senat eiligst eine Impfaktion für Nachzügler an, die zehn Tage währte. Schließlich wurden die Impf-Cocktails auch den Eltern zum Trunk offeriert und in Westberliner Großbetrieben den Belegschaften wie saures Bier feilgeboten. Indes: Auch nach diesem Ausverkauf mußten mehr als 200 000 Cocktails in Kühlräume geschafft werden.
Beklagte ein Teil der Berliner Gazetten das mangelnde Interesse am senatseigenen Barbetrieb, so wußten andere Blätter – etwa der “Tagesspiegel” – über “leichte Beschwerden nach der Schluck-Impfung” zu berichten: Im Gegensatz zu den Salk-Injektionen in Amerika und der Tabletten-Einnahme im Osten müsse damit gerechnet werden, daß nach der “Impfung durch den Mund” fünf bis zehn Prozent der Cocktail-Trinker von leichtem Fieber, Kopfschmerzen und Magen-Darm-Reaktionen befallen würden.
Indes, es blieb nicht bei leichtem Unwohlsein: Kurz nach Beendigung des Cox-Ausschanks wurden fünf Westberliner Kinder mit schwerem Polio-Verdacht in Krankenhäuser eingeliefert. Versicherte Senator Schmiljan: “Wir nehmen die Dinge nicht auf die leichte Schulter und werden diese Vorfälle sehr genau untersuchen.”
Flugs stoppte der Senat die Ausgabe des Cocktails, was allerdings mit der “warmen Witterung” begründet wurde. Bei den Kinderlähmungs-Symptomen, so hieß es, könne es sich um Auswirkungen einer Grippe-Epidemie oder einer eben abgeebbten Ziegenpeter-Welle handeln.
Vorsichtshalber wurden aber das Westberliner Robert-Koch-Institut und wissenschaftliche Institute in Marburg und Hamburg eingeschaltet, die gemeinsam mit einer Kommission Berliner Chefärzte und dem Landesmedizinaluntersuchungsamt erkunden sollten, ob die Krankheitssymptome Folgen der Immunisierung oder einer sommerlichen Polio-Infektion seien.
Auch als bereits neun Kinder mit Lähmungserscheinungen in Berliner Krankenhäusern lagen, beteuerte Senator Dr. Schmiljan, es bestehe “kein Anlaß zur Beunruhigung”, und sein Seuchenreferent Dr. Kochs vom Landesgesundheitsamt verkündete: “Wir haben erwartet, daß die Zahlen der Polio-Erkrankungen in diesem und in den nächsten Jahren in Berlin stark zunehmen.”
Noch hielten die Berliner Zeitungen mit jedweder Kritik an den Westberliner Gesundheitsbehörden vorsichtig zurück. Dafür fiel die “B. Z.” über den Oberkreisdirektor Dr. Verbeek des Landkreises Euskirchen bei Bonn her: Dr. Verbeek hatte sich geweigert, Berliner Ferienkinder in seinem Landkreis aufzunehmen, die an der Schluck-Impfung teilgenommen hatten.
Es sei “wissenschaftlich eindeutig erwiesen”, so argumentierte der Verwaltungsmann, daß diese Kinder Virenträger seien und Euskirchener Bürger mit Poliomyelitis infizieren könnten. Wetterte das Berliner Blatt in Schlagzeilen: “Nur, weil ein Oberkreisdirektor stur war: 12 haben keine Ferienfreuden.”
Schon eine Woche später war Oberkreisdirektor Dr. Verbeek rehabilitiert: Der Leiter des Westberliner Robert-Koch-Instituts, Professor Dr. Georg Henneberg, machte Ende Juli vor der Fünften Internationalen Kinderlähmungs-Konferenz in Kopenhagen die sensationelle Mitteilung, daß nach der Ausgabe des Cox-Cocktails in Westberlin mehr als 40 Kinder Lähmungen erlitten und daß ein krankes Kind seinen Vater angesteckt habe, der alsbald an Kinderlähmung gestorben sei.
Erst jetzt erfuhren die Berliner, daß “Fachleute” vor dem “überstürzten Beginn” (“Bild”-Zeitung) der Aktion gewarnt hätten, weil der Cox-Impfstoff in Westdeutschland noch nie verwendet worden sei.
In der Tat hatte das Frankfurter Paul -Ehrlich-Institut, das neue Seren und Impfstoffe vor deren Verwendung genau prüft, seine Untersuchungen noch nicht abgeschlossen und den Cox-Impfstoff noch nicht als unbedenklich freigegeben.
Im Gegensatz zum Salk-Impfstoff rufe der Cocktail-Schluck à la Cox “eine zwar sehr leichte, aber außerordentlich ansteckende Erkrankung” hervor, so diagnostizierten die Frankfurter Forscher. Alle Kinder, die das Cox-Präparat geschluckt hätten, seien zu Viren-Ausscheidern geworden, die ihre Mitschüler, ihre Eltern und ihre ganze Umgebung mit einer “harmlosen” Kinderlähmung anstecken könnten.
Bei zahlreichen Kindern hatten sich schon am Tag nach der Einnahme des Cox-Getränks Beschwerden eingestellt, nach drei bis vier Tagen Muskelschmerzen und steifer Nacken, und zwischen dem vierten und dem 21. Tag ernsthafte Lähmungen. Professor Henneberg und auch Dr. Kochs verteidigten sich lediglich mit dem Argument, Berlin sei in einer Zwangslage gewesen, weil einer möglichen Abdrängung der Poliomyelitis von Ostberlin nach Westberlin habe vorgebeugt werden müssen.
Der Erfinder Harold R. Cox jedoch, der als Teilnehmer des Kopenhagener Kongresses bei der Diskussion über Polio-Bekämpfungsmittel durch das Berlirier Debakel in eine unangenehme Position gedrängt worden war, schimpfte ungeniert auf den Gesundheits-Senat: “Man hat in Westberlin in eine drohende Epidemie hineingeimpft.”
Der Mediziner Cox war sich der Tragweite seines Vorwurfs gewiß bewußt. Es sei ein unbegreiflicher Verstoß gegen jede wissenschaftliche Erfahrung, eine beginnende oder fortgeschrittene Epidemie mit einem Wirkstoff eindämmen zu wollen, der aus den Viren gewonnen ist, die eben jene Epidemie verursacht haben. In solchen Fällen sei kaum eine Gewähr für einen Immunisierungserfolg gegeben. Im Gegenteil: Die Impfung vergrößere nur die Gefahr, daß die bereits herrschende Epidemie sich noch schneller ausbreitet.
Die Klage des Dr. Cox war berechtigt: In Westberlin war tatsächlich in eine beginnende Poliomyelitis-Epidemie hineingeimpft worden. Der Gesundheits-Senat gab denn auch zu, daß bei einer Testuntersuchung Anfang April “in starkem Ausmaß Polio-Erreger” entdeckt worden seien: Von 312 untersuchten Kindern waren 18 Virenträger. Weil ein heftigeres Zunehmen der Kinderlähmung im Sommer befürchtet worden sei, habe man schnell die Schluck-Aktion gestartet.
Nunmehr wurde aus der Kinderlähmung in Berlin kein Hehl mehr gemacht: Vier Personen starben an Poliofolgen, zwei der Opfer hatten erwiesenermaßen Kontakt mit Personen gehabt, die den Cocktail getrunken hatten. Bei 23 von insgesamt 50 Krankheitsfällen handelte es sich um Personen, die den Impfstoff getrunken hatten, und in elf Fällen waren Angehörige der Erkrankten damit immunisiert worden.
Inzwischen gestand Seuchenreferent Dr. Kochs zwar ein, ihm seien die Zweifel an der übereilten Aktion mit einem in Deutschland ungeprüften Impfstoff bekannt gewesen. Er hat freilich keine Bedenken, abermals in eine Epidemie hineinzuimpfen. Kochs: “Wir waren in Berlin in einer besonderen Situation. In der Bundesrepublik würde ich jetzt nicht die Impfung mit dem lebenden Virus einführen, es sei denn, daß eine schwere Epidemie Sofortmaßnahmen verlangte.”
* Seit dem 3. Januar 1960 sind dem Bundesgesundheitsamt in Berlin Insgesamt 966 Fälle von Kinderlähmung gemeldet worden. Davon waren bis zum 13. August 77 tödlich verlaufen.
Bildtitel:
- Berliner Polio-Bar: In die Epidemie hineingeimpft
- Seuchenreferent Kochs, Virenforscher Cox: Seuche durch Impfung?
Quelle:
- “480 000 Cocktails“, DER SPIEGEL 36/1960 VOM 31.08.1960, SEITE 21
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