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Tetanuserkrankung mit atypischem Verlauf

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… wenn Impfversagen und Krankheit zusammentreffen …

Ein 14-jähriger Junge wurde mit Kopfschmerzen, linksseitiger Ptosis, Parästhesie und Sehstörungen in die Kinderklinik der Charité Berlin eingewiesen. Die Anamnese ergab, dass er einen Tag nach dem Genuss von gegrilltem Hühnchen und drei Tage vor der stationären Aufnahme milden Durchfall hatte. Weiterhin hatte sich der Patient in der Woche davor eine kleine Schürfwunde am linken Knie auf dem Holzfußboden zugezogen, welche bei der Einlieferung im normalen Heilungszustand war. Sein Impfstatus bezüglich Tetanus war vollständig (3 Impfungen im 1. Lebensjahr, eine Auffrischungsimpfung mit 13 Jahren).

Aufgrund des Anfangsverdachts auf Meningoenzephalitis wurde er initial mit Ceftriaxon, Clarithromycin und Acyclovir behandelt. Die mikrobiologischen und virologischen Untersuchungen (u. a. auf bakterielle Meningitis, Toxoplasmose, Mykoplasmen, Borrelien, Chlamydien, Röteln, HIV, EBV, Masern, Influenza, Varizellen) waren alle negativ. Der Zustand des Jungen verschlechterte sich rapide. Am 2. Tag zeigte er Hypopnoe, Tachypnoe, beidseitige Ptosis, Dysarthie, Dysphagie und eine schlaffe Lähmung der unteren Extremitäten. Aufgrund der prominenten neurologischen Symptomatik wurde der Patient mit Verdacht auf ein Guillain-Barré-Syndrom
mit zentralnervöser Beteiligung (Miller-Fisher-Syndrom) mit intravenöser Immunglobulingabe behandelt.

Wegen der schlaffen Paralyse konnte am 3. Tag Botulismus als Erkrankung nicht ausgeschlossen werden. Der Patient wur de daher parallel mit dem trivalenten Botulismus-Antitoxin (anti-BoNT/A, -/B, -/E-IgG aus
Pferden, Chiron Behring) behandelt, zeitgleich wurde sein Serum im Maus-Letalitätstest analysiert (s. u.). Am Abend der Antitoxinbehandlung zeigte der Patient eine anaphylaktische Reaktion, die Gabe des trivalenten Botulismus-Antitoxins wurde abgebrochen. Weitere Symptome traten auf: Blasenschwäche, Karpopedalspasmen und eine deutliche Tonussteigerung im Bereich der Beine, worauf er mit Midazolam, Tetrazepam und Metamizol behandelt wurde. Theophyllin und Sauerstoff wurden zur Atmungsunterstützung gegeben. Am 4. Tag zeigte der Patient eine deutliche Tetanussymptomatik inklusive Risus sardonicus und
permanenten Rigors der Beine, die mit Tetagam (humane anti-TeNT-IgG, Aventis Behring) und Metronidazol therapiert wurde. Zeitgleich wurde der Gehalt von anti-Tetanus-IgG im Patientenserum mit 2,11 IE/ml
bestimmt, dass heißt der Patient besaß zum Zeitpunkt der Behandlung einen als ausreichend eingeschätzten Impfstatus.

Nach einigen Tagen unter Behandlung verbesserte sich die Symptomatik zu sehends; der Patient konnte nach
3½ Wochen in die Rehabilitation entlassen werden. Der Patient zeigte keine neurologischen Auffälligkeiten
in der Nachsorgeuntersuchung nach 12 Monaten.

Trotz der ursprünglichen Fehldiagnose auf Botulismus, so war die Gabe des Botulismus-Antitoxins möglicherweise lebensrettend, da der Patient unbeabsichtigt mit anti-Tetanustoxin-IgG behandelt wurde.

Weiterführende Information:
Epidemiologisches Bulletin 24/2008, *.pdf xxkB

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