Unwissen – Unglauben – Unwahrheiten

 

1961

Weihwasser als Seuchenherd

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1961-08-16, 08:01 [Wednesday]

… worüber offen nicht gesprochen wird …

Problemzone Weihwasser
Problemzone Weihwasser
Aufmerksam studierte der Leiter des Düsseldorfer Gesundheitsamts, Professor Heinz Baron, die Polio-Statistik. 106 Kinderlähmungsfälle waren ihm bis Ende Juli gemeldet worden, elf davon mit tödlichem Ausgang. Dabei irritierte den Gesundheitshüter, daß sich die Polio-Viren offensichtlich nicht an den konfessionellen Proporz in Düsseldorf hielten, sondern weit mehr Katholiken attackierten als Protestanten. Den Infektionsherd hatte Baron bald entdeckt – es war der Kindergarten der katholischen Herz-Jesu-Pfarre in dem dichtbevölkerten Stadtteil Derendorf. Aus diesem Bezirk kamen allein 33 der insgesamt 106 Polio-Erkrankten. Von den elf Todesfällen entfielen sogar sieben auf Derendorf.

Professor Baron folgerte, daß möglicherweise ein katholisches Ritual die Übertragung der gefürchteten Poliomyelitis begünstige. Auf der Suche nach einem Infektionsträger keimte in dem Stadtmedikus der Verdacht auf, daß die Viren durch das Weihwasser aus der Derendorfer Herz-Jesu-Kirche weitergetragen worden waren.

Sakrale Scheu hielt den Professor jedoch davon ab, seinen Verdacht durch eine bakteriologische Untersuchung des Weihwassers zu untermauern: “Ich halte das für einen nicht vertretbaren Eingriff in kirchliche Hoheitsrechte.”

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Aus dem Schnapsglas

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1961-07-19, 07:47 [Wednesday]

… Angebot der DDR an die BRD zur Lieferung von Polio-Impfstoff …

Das Telegramm war “an die Regierung der Bundesrepublik zu Händen des Bundeskanzlers Herrn Dr. Adenauer, Bonn” adressiert, als Absender zeichnete der DDR-Minister Willi Stoph. “Mit Erschütterung hat die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik erfahren”, kondolierte Stoph Ende vergangenen Monats, “daß in Nordrhein-Westfalen mehr als 650 Personen an spinaler Kinderlähmung erkrankt und daß bereits 42 Todesopfer zu beklagen sind.”

Das Schreiben mündete in das Angebot, “sofort drei Millionen Einheiten des Impfstoffes von Sabin-Tschumakow zu liefern”, eine Menge, die ausreiche, in den am stärksten bedrohten Gebieten alle Kinder bis zu 14 Jahren zu schützen. “Da es sich um eine Schluck -Impfung handelt”, erläuterte Stoph, “läßt sich die Rettungsaktion schnell und unkompliziert durchführen.”

Am Freitag vorletzter Woche erlösten Wissenschaftler und Medizinalbeamte die Bundesregierung von dem Alpdruck, das selbstbewußte Angebot (Stoph: “Wir sind frei von der gefährlichen Seuche”) nicht mit guten Gründen ausschlagen zu können. Der (unabhängige) Bundesgesundheitsrat empfahl nach einer Sitzung in Königswinter aus grundsätzlichen Erwägungen Zurückhaltung gegenüber Polio-Impfstoffen, die – wie der aus dem Osten angebotene – nicht gespritzt, sondern einfach geschluckt werden. Die Wirkungsweise des neuen Impfstoffs, so verlautbarten die Gesundheitshüter, sei noch nicht genügend geprüft worden.

Anlaß der Debatte im Gesundheitsrat war freilich weniger das DDR-Angebot als vielmehr der Wunsch der nordrhein-westfälischen Gesundheitsbehörden, eine Aktion mit Schluck-Impfstoff amerikanischer Herkunft durchzuführen. Zwar waren nicht — wie Stoph geschrieben hatte — 650 Personen an spinaler Kinderlähmung (Poliomyelitis) erkrankt, aber immerhin weit über 400, so daß zahlreiche Schulen, Kindergärten und Freibäder geschlossen werden mußten. 20 Kinder waren gestorben.

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